Bittet Ihr in der Therapie um etwas?

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Koala141
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Bittet Ihr in der Therapie um etwas?

Beitrag Fr., 04.02.2022, 00:39

Bittet Ihr in der Therapie um etwas?
Um physische Dinge (wie Decken o.ä.)?
Um Dienstleistungen (wie Zusatzstunden /andere Stunden / verlängerte Stunden / Kontingentsverlängerungen/ Berichte / o.ä.)?
Um emotionale Dinge (wie Sätze / Antworten / Imaginationsübungen o.ä.)?

Und falls ja: Bekommt ihr's?

Hintergrund der Frage: Wie macht Ihr das? Ich möchte das lernen. Nicht ausufernd, aber so grundsätzlich.
Gehe immer noch lieber eher weg und beisse mir die Zunge ab, als auch nur zuzugeben, dass ich etwas brauche, selbst wenn man mir's auf den Kopf zusagt.

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lisbeth
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 07:03

Wovor hast du Angst, wenn du um etwas bittest?
Vor einem Nein?
Davor, was der/die andere von dir denken könnte (zB dass du "schwach" bist, oder zu bequem oder oder oder?)
Oder "darfst" du nicht "bedürftig" sein, weil das von anderen ausgenutzt werden könnte?
Vielleicht wäre es sinnvoll, dir erstmal in der Therapie anzuschauen, wovor du Angst hast. Das kann dir vielleicht auch die ersten kleinen Schritte etwas ebnen.

Meine Therapeutin hat mir auch viele Dinge für lange Zeit aktiv angeboten. Da fällt es manchmal leichter, weil man das Angebot ja "nur" annehmen muss. Und diese Erfahrungen dann abspeichern. Vielleicht auch besprechen.
Ich kam vor längerer Zeit mal völlig aufgelöst in die Stunde, fast zitternd. Die Analytikerin bot mir dann gleich zu Anfang der Stunde eine Decke an. Ich nahm sie an. Und sie ließ es sich nicht nehmen, mir die Decke auch über die Schultern zu legen und mich darin quasi einzuhüllen. Und ich merkte: sowas kann richtig gut tun. Die Decke selbst, aber auch die Zuwendung, die in dieser Geste lag. Und ich merkte, dass ich sowas gar nicht kenne, von früher her. Und das hat mich dann auch ziemlich traurig gemacht. Wir haben später dann länger darüber gesprochen. Nicht unmittelbar in der Situation, sondern ein paar Wochen später.

In Zeiten, wo es krisenhaft war, hat sie auch immer wieder betont, dass ich mich melden "darf", wenn was ist. Dass wir dann schauen können, was es braucht: ob ein kürzeres Telefonat reicht oder ob wir eine extra Stunde einschieben. Dadurch dass sie das immer wieder angesprochen hat, hat sie für mich auch die Hemmschwelle deutlich abgebaut, weil sie signalisiert hat, dass es für sie in Ordnung wäre. Darum bitten musste ich dann trotzdem selbst, aber sie hat mir da viele kleine Brücken gebaut und das war für mich wirklich hilfreich.

Wichtig: kleine Schritte, und die möglichst regelmäßig machen. Nimm dir nicht gleich einen riesen Brocken vor. Sondern versuche, erstmal bei kleinen Alltagsdingen mal um etwas zu bitten und schau dir dann mit der Therapeutin an, was das mit dir macht.
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― Anne Lamott

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DieBeste
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 07:35

Total gut, dass du weißt was du brauchst. Viele (mich eingebunden) wissen oft gar nicht, was gut für einen ist.
Deshalb nutze das und sprich es einfach an. Fragt dich der Therapeut denn nicht, was du grade brauchst oder was du dir wünschst?

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Gespensterkind
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 08:16

Bei mir ist es ähnlich. Ich weiß eigentlich kaum, was ich brauche. Aber mein Therapeut bietet mir vieles an oder fragt, ob dies oder das hilfreich sein könnte. Letztendlich hab ich auch dafür lange gebraucht, das überhaupt anzunehmen, habe zunächst erst einmal immer direkt "nein, will ich nicht" gesagt. Es war ein Prozess, Dinge, die mir angeboten werden vom Therapeuten auch annehmen zu können und das auzuhalten, dass ich jemand in dem Moment Gedanken um mich macht und sich um mich kümmern möchte.
Das ist für mich (innerlich) oft nicht erlaubt oder ich fühle mich nicht wert, dies anzunehmen.
Aber wenn ich in der Therapie ein Bedürfnis äußere, dann schauen wir schon gemeinsam, wie ich das erreichen könnte und was es dafür braucht. Wir schauen also, wie es erfüllt werden kann. Manchmal ist es dann gar nicht etwas, was mir der Therapeut "geben muss", sondern eher eine "Haltung" zu etwas, die wir gemeinsam erarbeiten.

Ich glaube, dazu braucht es Kontakt und Vertrauen zum Therapeuten, aber vielleicht auch, wenn Dein Therapeut dies nicht von selbst macht, genau dies anzusprechen, dass es Dir schwer fällt. Und vielleicht könnte das ein erster Schritt sein, es zunächst mal auszuprobieren wie es sich anfühlt, etwas anzunehmen, was Dir angeboten wird. Oder unter verschiedenen Optionen zu wählen oder so ähnlich. Ich würde es besprechen.

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ExtraordinaryGirl
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 09:02

Um materielle Dinge habe ich nie gebeten, habe sie aber oft auch so bekommen. Ich hätte gerne darum gebeten und sie vermutlich auch bekommen (z. B. Kaffee bei Müdigkeit), dachte mir aber halt, dass der Therapieraum kein Coffeshop usw. ist.

Anders sieht es bei Zusatzstunden, bestimmten Aussagen (wobei mir das nie viel gegeben hat, die sollten von selbst und nicht auf Aufforderung kommen) etc. aus.

In der Therapie war es relativ üblich, am Anfang der Stunde gefragt zu werden, worüber ich sprechen möchte. Früher konnte ich nicht darauf antworten, dafür kann ich heute umso besser sagen, was ich mir wünsche.
"Charakter zeigt sich in der Krise."

(Helmut Schmidt)

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chrysokoll
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 10:23

Koala141 hat geschrieben: Fr., 04.02.2022, 00:39 Hintergrund der Frage: Wie macht Ihr das? Ich möchte das lernen. Nicht ausufernd, aber so grundsätzlich.
Gehe immer noch lieber eher weg und beisse mir die Zunge ab, als auch nur zuzugeben, dass ich etwas brauche, selbst wenn man mir's auf den Kopf zusagt.
mir fällt das sehr sehr schwer bzw. es ist unmöglich, was aus meiner Geschichte auch sehr gut erklärbar ist.
Da war es fatal zu zeigen was man will und braucht und es war ganz schlecht irgendwie abhängig zu sein.
Das aufzuweichen, zu verändern ist sehr schwer. Aber auch darum bin ich in Therapie.

Meine Therapeutin ermuntert mich immer wieder und schlägt sehr aktiv Dinge vor.
Sie gibt mir Kissen oder Decke, Kissen auch um es bei schwierigen Themen zu kneten und zu knüllen.
Sie sagt immer wieder ich darf mich zwischen den Stunden melden, z.B. per mail oder eben wenn etwas akut schlimm ist anrufen (letzteres habe ich noch nie gemacht, ich möchte ja nicht stören, das ist noch ganz tief drin).
Aber wenn ich schreibe reagiert sie immer, mit einer liebevollen, verständnisvollen und vor allem zeitnahen Antwort oder eben sie ruft mich an um zu klären wie es mir geht, was ich machen könnte und ob eine extra Stunde nötig wäre, das war nur einmal nötig.
Für Konfrontation legt sie die Stunden so dass wir Zeit haben, also nicht nur genau eine Therapiestunde.

Trotzdem, es fällt mir sehr sehr schwer. Es hilft nur das immer wieder in kleinen Schritten zu probieren und ich möchte dich ermuntern das bei Kleinigkeiten zu tun!

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Montana
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 10:36

Du könntest als erstes anfangen, Angebote wahrzunehmen, die du vielleicht schon bekommst. Und nicht als solche erkennst. Das sind einmal direkte Fragen, wo du gleich ablehnst. Das ist aber z.B. auch das, was du im Raum sehen kannst. Wenn es da eine Decke gibt, dann liegt die da bestimmt nicht als reine Dekoration, sondern sie ist eine Einladung, zu fragen. Und kannst du nicht fragen, ob du sie nehmen darfst, dann geht vielleicht ein Umweg. "Sie haben da eine Decke liegen. Wofür ist die hier?"

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Charlie Foxtrott
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 11:57

Auch auf die Gefahr hin, dass ich die TE verschrecke hier eine ehrliche Antwort:
Ich habe mal darum gebeten, ein schwierigeres, belastenderes Thema vorzuziehen. Erste Reaktion war Drohung mit Behandlungsabbruch und Einweisung in Klinik (2 J. Wartezeit). Hat mich erhebliche Mühe gekostet, klarzustellen, dass es mir so schlecht geht, weil das Thema nicht behandelt wird.
Dann habe ich noch Vorwürfe bekommen, weil ich Dinge angenommen habe, um die ich gar nicht gebeten hatte: Anwesenheit von Praktikanten, Fachliteratur.
Nun ja, als positives Feedback kann ich sagen, dass devotes Zu-Kreuze-Kriechen nicht geholfen hat.

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Koala141
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 14:09

Danke für alle Antworten. Viele schreiben, was ich machen könnte. Danke, dass ihr euch da Gedanken gemacht habt.
Ich möchte jedoch keine Tipps.
Sondern: Ich möchte wissen:
Bittet Ihr in der Therapie um etwas? (Falls ja: Worum? Bekommt ihr's?)
Wie macht Ihr das?

Würde mich freuen über weitere Erfahrungeschichten.
Zuletzt geändert von Koala141 am Fr., 04.02.2022, 14:36, insgesamt 1-mal geändert.

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Sinarellas
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 14:30

Bittet Ihr in der Therapie um etwas? (Falls ja: Bekommt ihr's?)
Ja.

Wie macht Ihr das?
Hallo Frau Thera, ich bräuchte für xyz abc, könnte das Klappen oder finden wir einen Kompromiss dafür?

Entsprechend der Antwort dann:
Ende (mit Erfolg oder Misserfolg meiner Bitte, wobei ich noch um etwas gebeten habe, was nicht erfüllbar war).
..:..

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lisbeth
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 14:35

Koala141 hat geschrieben: Fr., 04.02.2022, 14:09 Bittet Ihr in der Therapie um etwas? (Falls ja: Bekommt ihr's?)
Ja.
Mal ja, mal nein.
Koala141 hat geschrieben: Fr., 04.02.2022, 14:09 Wie macht Ihr das?
Möglichst konkret.
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― Anne Lamott

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Candykills
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 14:44

Ja, ich hab' meine Therapeutin schon um Dinge gebeten - und meistens wurden diese Dinge auch erfüllt.
Ich habe aber auch schon erlebt, dass sie zu etwas Nein gesagt hat und das hat sie dann normal auch begründet, damit ich ihre Entscheidung zumindest kognitiv nachvollziehen und verstehen konnte, selbst wenn das emotional vielleicht erstmal nicht ging.
Da Theras im Normalfall keine Hellseher sind, macht es auf jeden Fall Sinn um etwas zu bitten, wenn man einen konkreten Wunsch hat.
Ich bin wie einer, der blindlings sucht, nicht wissend wonach noch wo er es finden könnte. (Pessoa)

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Koala141
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 15:39

Oh, ich habe eine ewig lange Antwort geschrieben; jetzt ist sie weg. Komme später wieder.

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Sydney-b
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 19:58

Ist mir auch schon passiert! :-(

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Montana
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Beitrag Fr., 04.02.2022, 21:11

Ich habe schon um etwas gebeten, aber vermutlich ist es nicht das, was du meinst. Es ging darum, das Fenster zu schließen, weil draußen die Müllabfuhr sehr laut war. Und darum, dass ich nicht auf Video aufgenommen werden wollte. Beide Male wollte nicht nichts "haben", sondern etwas loswerden. Das ist irgendwie ein Unterschied. Oder? Zumindest für mich.
Inzwischen frage ich manchmal, ob ich zu einem bestimmten Thema etwas sagen darf. Die Antwort war noch nie Nein, aber trotzdem reicht die Erlaubnis oft nicht, es auch zu können. Trotzdem gut zu wissen.

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