Ist Misshandlung in der Kindheit im Gehirn nachweisbar?

Körperliche und seelische Gewalt ebenso wie die verschiedenen Formen von Gewalt (wie etwa der Gewalt gegen sich selbst (SvV) oder Missbrauchserfahrungen) sind in diesem Forumsbereich das Thema.
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Dorottya
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Ist Misshandlung in der Kindheit im Gehirn nachweisbar?

Beitrag Sa., 28.12.2013, 20:16

Hallo,

nachdem ich meinen Verdacht auf eine eventuelle Lernbehinderung losgeworden bin, habe ich mich in letzter Zeit viel mit dem Thema "Emotionale Misshandlung in der Kindheit und die Folgen" beschäftigt.

Ich bin sicher, daß ich unter dieser Form der Misshandlung im Kindes-und Jugendalter gelitten habe und sie mich größtenteils zu dem kaputten Menschen gemacht hat, der ich heute bin.

Schon als ich ein kleines Mädchen war, hat meine Mutter mich mit Worten fertiggemacht und angeschrien. Sie hatte keine Lust auf ein Kind, um das sie sich kümmern musste. Alles, was mit mir zusammenhing, war ihr lästig.
Sei es, meine Wäsche zu waschen, mich zu baden, mit mir zu Ärzten zu gehen. Diese Dinge waren aber nun mal ihre Pflicht, während sie auf freiwillige Aktivitäten verzichtete.
Sie spielte oder unternahm nie etwas mit mir, half mir nicht bei den Hausaufgaben. Als ich gerade in der Schule war, hat sie es einige Male versucht. Dabei hat sie mich mal in ihrer Ungeduld geschlagen. Anschließend ließ sie es.

Ich musste mir sehr oft anhören, daß ich zu nichts nutze war.
Andere Kinder waren intelligenter, cleverer, sportlicher, geschickter.
Wenn sie schlechte Laune hatte, hagelte es wüste Beschimpfungen und es fielen üble Schimpfworte.
Wenn ich mich beim Spielen draußen mal ein bisschen schmutzig gemacht hatte und sie wieder waschen musste, tobte sie, daß nicht alles auf ihre Knochen gehen könne.
Einmal drohte sie mir, mich in eine Erziehungsanstalt zu stecken. Sie habe schon mit der Oma darüber gesprochen.
Dabei war ich ein schüchternes und überangepasstes Mädchen.
Ich hatte große Angst vor ihren Schreiattacken.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals Trost und Zuwendung von meiner Mutter bekommen zu haben.
Wenn ich traurig war, hatte ich diese Gefühle zu unterdrücken.
Passierte es doch mal, daß ich wegen einer schlechten Note oder Streit mit meiner Freundin weinte, schrie sie, ich solle aufhören zu brüllen (sie benutzte nie das Wort "weinen").

Ich hätte während meiner Schulzeit sicherlich einige Freundschaften aufbauen können.
Doch es war mir verboten, Schulkameradinnen zu uns nach Hause einzuladen. Meine Mutter wollte alles steril haben.
Mein Vater bemerkte, daß ich eine Einzelgängerin wurde und setzte sich dafür ein, daß ich zumindest ein paar Kindergeburtstage abhalten durfte.
Doch nachdem ich an solchen Nachmittagen meine Mutter nur hektisch rauchend in meinem Kinderzimmer erlebte, verging mir die Lust auf Geburtstagsfeiern.

Einmal machte sie mir auf bösartige Weise eine sich entwickelnde Freundschaft kaputt. Ich hatte in meinen Reiterferien ein Mädchen kennengelernt, daß ca. 100 km von mir entfernt wohnte und das mich einige Male zu sich einlud.
Meine Mutter erlaubte einen Besuch von diesem Mädchen, bei dem sie sogar für uns kochte und sich freundlich mit ihm unterhielt.
Irgendwann planten wir einen zweiten Besuch bei uns.
Doch an dem besagten Tag regnete es und meine Mutter tobte, daß sie meine Freundin nicht dahaben wolle. Wir würden dann den ganzen Tag im Hause verbringen, und das wollte sie nicht.
Ich war gezwungen, ihr abzusagen und konnte das gerade noch rechtzeitig tun bevor sich das Mädchen in den Zug setzte.
Sie hat sich danach nicht mehr bei mir gemeldet.

Meine Mutter war wirklich immer nur auf sich bedacht.
Sie kaufte sich auch gern viel Kleidung, während ich im Sommer und Winter jeweils mit zwei Paar Schuhen auskommen musste.
In den Reiterurlaub musste ich mit Turnschuhen, die mir schon zu klein geworden waren und vier T-Shirts (mehr besaß ich nicht) für zwei Wochen. Dabei hatte man keine Möglichkeit, dort Wäsche zu waschen.
Als meine Mutter mal kurze Zeit von meinem Vater weniger Taschengeld zugeteilt bekam, aber nicht auf ihre Wünsche verzichten wollte, stahl sie mir kurzerhand Geld aus meinem Sparschwein.

Es sind einfach so viele Verletzungen vorgefallen, daß ich sie hier nicht alle niederschreiben kann.
Vielleicht ist es nicht richtig, aber ich gebe meiner Mutter die Schuld für mein Scheitern sowohl in privater als auch in beruflicher Hinsicht.
Auch eine Therapie konnte mir nicht zu mehr Selbstwertgefühl, Selbstachtung und Bindungsfähigkeit verhelfen.
Auch in Bezug auf meine Angst-und Persönlichkeitsstörung konnte die Therapie sehr wenig bewirken.

Im letzten Jahr wurde bei mir ein EEG gemacht.
Bei der Auswertung war von Auffälligkeiten die Rede, die auf eine frühkindliche Hirnschädigung schließen ließen.

Ich konnte es zuerst nicht glauben, aber ich habe im Internet an einigen Stellen gelesen, daß früher Missbrauch in der Kindheit -auch der emotionale Missbauch - das Gehirn schädigen und diese Schädigungen auch im Erwachsenenalter noch nachweisbar sind.

Könnt ihr mir sagen, ob das stimmt?
Wenn es schon so ist, daß man diese Schädigungen im Gehirn nachweisen kann, frage ich mich, wie man sie wieder loswerden soll?
Inwiefern kann dann eine Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie überhaupt erfolgsversprechend sein?

LG
Dorottya

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hope_81
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Beitrag Sa., 28.12.2013, 20:53

Liebe Dorottya,
ja emotionale, aber auch andere Misshandlungen schädigen das Gehirn und diese Schäden sind nachweisbar.
Meist sind corticale Regionen betroffen, aber auch das Limbische System insbesondere der Amygdala.

Schädigungen dieser Art können nicht wiederhergestellt werden, allerdings hilft vor allem Psychotherapie, dass Gehirn umzustrukturieren, so dass es in der Lage ist, diese Missstände auszgleichen. Es programmiert sich quasi um.
Das Beste, was du für einen Menschen tun kannst, ist nicht nur deinen Reichtum mit ihm zu teilen, sondern ihm seinen eigenen zu zeigen.
Benjamin Disraeli

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peppermint patty
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Beitrag Sa., 28.12.2013, 21:07

Hallo Dorottya,

es sind viele schlimme Dinge, die Du da berichtest, die Du erlebt hast. Und ja, bei Missbrauch kann es zu Hirnschädigungen kommen, die aber bei erfolgreichen Therapien durchaus reparabel sein können. Da ich selbst Betroffene von emotionalen, körperlichen, sexuellen Missbrauch bin, beschäftige ich mich mit den Folgen. Zudem bin ich mehrfach (in den von Deiner Mutter angedrohten) Erziehungseinrichtungen untergebracht gewesen.

Eine Folge davon ist, dass ich u.a. mein Leben lang Schwierigkeiten gehabt habe, Beziehungen aufzubauen und aufrecht zu erhalten.
Dorottya hat geschrieben: Es sind einfach so viele Verletzungen vorgefallen, daß ich sie hier nicht alle niederschreiben kann.
Für mich aber schon verständlich was Du gemeint hast.
Dorottya hat geschrieben:Vielleicht ist es nicht richtig, aber ich gebe meiner Mutter die Schuld für mein Scheitern sowohl in privater als auch in beruflicher Hinsicht.
Und das ist ein Punkt, den ich völlig anders sehe. Ich denke jeder Mensch trägt seine eigene Verantwortung für sich. Insofern bist Du verantwortlich dafür was Du aus Deinem Leben machst. Es ist immer traurig, wenn die Startbedingungen im Leben schwierig sind, aber als Erwachsener kann man sich nicht mehr auf die Eltern beziehen.
Dorottya hat geschrieben: Auch eine Therapie konnte mir nicht zu mehr Selbstwertgefühl, Selbstachtung und Bindungsfähigkeit verhelfen.
Auch in Bezug auf meine Angst-und Persönlichkeitsstörung konnte die Therapie sehr wenig bewirken.
Was sehr schade ist, aber möglicherweise mit der mangelnden Verantwortungsübernahme für Dich begründet werden könnte.
Dorottya hat geschrieben: Wenn es schon so ist, daß man diese Schädigungen im Gehirn nachweisen kann, frage ich mich, wie man sie wieder loswerden soll?
Inwiefern kann dann eine Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie überhaupt erfolgsversprechend sein?
[/quote]

Indem man sich einlässt und an sich arbeiten möchte. Und indem man einsieht, dass man nur sich selbst helfen/heilen kann. Das geht aber nur ohne stringendes Opfer - Denken.


LG
pp

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Dorottya
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Beitrag Sa., 28.12.2013, 21:12

@hopeless81

Hallo Hopeless,

danke für deine Antwort.
Für mich war es etwas schockierend zu erkennen, dass die Auffälligkeiten im EEG also in Zusammenhang stehen könnten mit der emotionalen Misshandlung und der Vernachlässigung bereits im frühen Kindesalter.

Ich weiß jetzt nicht, wofür die einzelnen Hirnregionen, die du benannt hast, zuständig sind.
Ich leider massiv unter Defiziten bei der emotionalen Intelligenz, habe Konzentrationsschwierigkeiten, eine Reizfilterschwäche, Koordinationsstörungen und eine gestörte Grobmotorik.
Hinzu kommen psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen, eine Angststörung sowie eine selbstunsicher-vermeidende und zwanghafte Persönlichkeitsstörung.

Meine Mutter hat meine Probleme immer auf meine schwierige Geburt geschoben. Das war ja für sie auch die einfachste Lösung. Nur sich selbst keine Schuld eingestehen.

Beruhigend ist allerdings deine Aussage, dass eine Psychotherapie bewirken kann, das Gehirn umzustrukturieren.
Vielleicht sollte ich doch noch einen weiteren Versuch wagen.

Hinweis Admin: Fullquote (unnötiges Komplettzitat) entfernt - bitte lesen Sie die Netiquette (Benutzungsregeln) des Forums! Siehe Link rechts auf dieser Seite. Danke.

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Dorottya
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Beitrag Sa., 28.12.2013, 21:25

@ Peppermint patty

Ich danke dir auch für deine Antwort.

Es tut mir sehr leid, dass du wahrscheinlich noch schlimmeres als ich erlebt hast und auch in Erziehungseinrichtungen untergebracht warst!

Auch ich habe Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen und aufrecht zu halten.
Das ganze spielt sich meistens nach dem gleichen Muster ab.
Ich werde wie in der Kindheit in eine Opferrolle gedrängt, lasse zuerst vieles passiv über mich ergehen und neige dann zu aggressiven Ausbrüchen, wenn es mir zu viel wird. Dann spüre ich die Ohnmacht und Hilflosigkeit wie früher meiner Mutter gegenüber.
Manchmal reagiere ich auch auf harmlose Kritik oder Neckereien hypersensibel und schon stehe ich vor den Trümmern einer Freundschaft oder Beziehung.

Was den Punkt Eigenverantwortung betrifft:
Ja, daran muss ich noch gewaltig arbeiten. Ich muss zugeben, dass ich schon ganz oft resigniert habe und gedacht habe, meine Eltern haben mir mein Leben zerstört. Da war ganz oft das Gefühl, nichts ändern zu können, aus alten Verhaltensmustern und dem Teufelskreis des ewigen Scheiterns nicht ausbrechen zu können.
Es gibt auch Tage, wo mich das schlechte Gewissen quält. Wo ich mir bewusst bin, dass das Geschehene nicht rückgängig zu machen ist, ich aber dem ganzen trotzdem noch eine halbweges positive Wendung geben kann.

Ich glaube, ich sollte erst einmal versuchen, mittels Therapie mein zerstörtes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen.
Denn ich habe für mich erkannt, dass im Leben alles mit dem vorhandenen oder fehlenden Selbstwert steht oder fällt.

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peppermint patty
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Beitrag Sa., 28.12.2013, 21:45

Dorottya hat geschrieben: Das ganze spielt sich meistens nach dem gleichen Muster ab.
Ich werde wie in der Kindheit in eine Opferrolle gedrängt, lasse zuerst vieles passiv über mich ergehen und neige dann zu aggressiven Ausbrüchen, wenn es mir zu viel wird. Dann spüre ich die Ohnmacht und Hilflosigkeit wie früher meiner Mutter gegenüber.
Oh, dass kenne ich. Am schlimmsten war das bei meiner oft zu Aggressivität neigenden Schwester und mir. Irgendwann hat sie dann "alles" von mir zurück bekommen. Aber so will ich nicht mehr sein. Von daher habe ich diesen Kontakt (vorübergehend) abgebrochen, damit ich erst einmal schauen kann wie ich damit besser umgehen kann. Meine Schwester kann ich ja nicht ändern.
Lieber wäre es mir rechtzeitig auf meine Grenzen zu achten.

Dorottya hat geschrieben:Was den Punkt Eigenverantwortung betrifft:
Ja, daran muss ich noch gewaltig arbeiten. Ich muss zugeben, dass ich schon ganz oft resigniert habe und gedacht habe, meine Eltern haben mir mein Leben zerstört. Da war ganz oft das Gefühl, nichts ändern zu können, aus alten Verhaltensmustern und dem Teufelskreis des ewigen Scheiterns nicht ausbrechen zu können.


Wenn Du das begriffen hast, dann bist Du schon einen wichtigen Schritt gegangen.
Und das ist ja auch das Schöne wiederum, heute kannst Du verändern und bestimmen!! Das ist etwas was mir Hoffnung gibt.
Dorottya hat geschrieben:Ich glaube, ich sollte erst einmal versuchen, mittels Therapie mein zerstörtes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen.
Denn ich habe für mich erkannt, dass im Leben alles mit dem vorhandenen oder fehlenden Selbstwert steht oder fällt.
Das finde ich eine gute Idee. Ich wünsche das Du eine gute und mitfühlende TherapeutIn dafür findest.

LG, pp


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Broken Wing
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Beitrag So., 29.12.2013, 01:29

Nein. Man kann Missbrauch nicht nachweisen, zumindest nicht nur mit EEG. Denn das Gehirn hat gar nicht so viele Möglichkeiten, auf Schädigungen zu reagieren. Noch dazu weiß man viel zu wenig über das Gehirn, um präzise Aussagen zu machen. Könnte genauso gut genetisch bedingt oder angeboren sein. Man ist aber, wie gesagt, sichr nicht in der Lage, (länger zurückliegende) Misshandlung zweifelfrei festzustellen.
Wäre aber eine super Sache für das Strafrecht. Mindestens so toll wie die DNA-Analyse.

Warum die Therapie nicht funktioniert hat, keine Ahnung. Ist jetzt nicht ungewöhnlich. Könnte was mit dir, mit dem Therapeuten, mit der Methode und mit dem Wetter zu tun haben.
Beginne den Tag mit einem Lächeln, dann hast du es hinter dir. [Nico Semsrott]

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