Siezen und Duzen

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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graue seifenblase
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Beitrag Di., 12.03.2013, 16:26

Hallo alles zusammen!
Ich kenne beide Arten.
Ich gehe nämlich von der Arbeit aus (ist bei uns so üblich) in Supervision (sie ist auch PT und klinische Psychologin) und mit ihr bin ich perdu und dann gehe ich privat in PT und mir ihr bin ich persie.
Ich habe mit beiden Formen kein größeres Problem, dennoch muss ich ehrlich sagen, bin ich ein Freund vom DU, denn ich kann auch mit DU Respekt haben und ausdrücken. Dieses SIE und DU gibt es eh nur in unserer Deutschen sprache, im Englischen gibt es nur das "You".
Zu dem bin ich der Meinung, dass dieses Sie in unserer Gesellschaft auch ganz stark dazu genutzt wird um sich abzugrenzen und die andere Person nicht emotional an sich heran zu lassen, was im psychotherapeutischen Beruf ganz wichtig ist, denn wir laden mehr oder weniger unseren ganzen Müll bei den Therapeuten ab, da sie auch nur Menschen sind, verarbeiten sie die Informationen nicht nur wie eine Maschiene, sondern sie fühlen mit, sie zeigen uns Mitgefühl (bitte nicht mit Mitleid verwechseln).
Und das ist auch für ihre Psyche mitunter sehr anstrengend, aber ja es ist ihre Aufgabe damit zurecht zu kommen, für uns ist es eine Dienstleistung die wir bezahlen. Aber sind wir uns ehrlich, es ist nicht nur eine Dienstleistung, wie z.B. das Internet, oder Kino, oder im Restaurante,..., denn es spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab, nämlich auf einer besonderen persönlichen, emotionalen Ebene. Würde ich das alles meiner Partnerin so erzählen und spüren lassen, dann würde sie mehr oder weniger unter dieser Last eingehen, denn sie könnte diese Informationen nicht so professionell Verarbeiten und außerdem ist es auch nicht ihre Aufgabe.
Und somit denke ich auch, dass dieses SIE für die Therapeuten ein gewisser Selbstschutz ist.
Und wir dürfen nicht vergessen es sind nicht unsere Freunde, sondern unsere Theras.
Aber ich gebe es auch zu, wenn man mit DU angesprochen wird, dann hat es eine ganz andere Qualität, viele fühlen sich so wie auch ich dadurch mehr angesprochen.
Deshalb spricht mich meine Therapeutin bei den Entspannungsübungen, wo sie mit meinem Unterbewusstsein kommuniziert mit DU an, aber das passt für mich, im sonstigen Setting ist es ein SIE auf beiden Seiten.
Meine Überlegung geht jetzt im Laufe des Lesens und Schreibens in diesem Thread dahin, ob ich sie nicht einmal frage, ob sie mich generell mit du ansprechen kann, weil die Dinge dann bei mir besser ankommen, es aber für mich kein Problem wäre sie weiterhin zu siezen, wenn sie dies wünscht.
Sonst handhabe ich es zur Zeit so, dass ich das DU oder SIE soweit wie es geht weglasse.
Z.B. Sie ist jetzt im Urlaub, wenn sie zurück kommt und ich wieder bei ihr bin werde ich fragen: "Wie war der Urlaub, ich hoffe schön?" und nicht "Wie war IHR Urlaub, ich hoffe SIE konnten sich erholen und haben viel gesehen."
Lg graue seifenblase

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kaja
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Beitrag Di., 12.03.2013, 16:32

Der Therapeut zu dem ich gehe hat mich schon einige Male geduzt. Zum Teil weil es ihm rausgerutscht ist und zum Teil weil er eine Reaktion provozieren wollte.
Ich übergehe es i.d.R. kommentarlos wenn er sowas macht und hatte noch nie das Bedürfnis ihn mit "Du" anzusprechen. Mir ist das Distanz halten sehr wichtig und da ich auch im Alltag niemanden duze der nicht mein Freund, guter Bekannter oder Familienmitglied ist (ist er alles nicht, er ist Dienstleister), sehe ich keine Veranlassung für ein "Du".
Meist vermeide ich jede Anrede oder nutze das "Sie" ohne je seinen Nachnamen auszusprechen.
After all this time ? Always.


leberblümchen
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Beitrag Di., 12.03.2013, 16:43

Namen gehen auch GAR NICHT für mich! Weder mein eigener Name noch der des Therapeuten. Bei anderen Leuten ist das kein Problem, auch wenn ich jemanden sehr mag. Aber sein Name würde mir nie über die Lippen kommen - warum ist das so????? Ich meine, dass da intensive Gefühle bei mir im Spiel sind, ist ja bekannt; ich müsste also nichts 'verbergen'. Aber sein Name ist der Horror für mich - seltsam.

Und absolut das Allerschlimmste ist, wenn er mich mit meinem Namen anredet, sei es, um etwas zu besprechen: "Frau Titus, wir müssen mal reden..." - oder sei es, innerhalb des therapeutischen Gesprächs, wenn er dann sagt: "Ich bin die Titus" - es geht ja oft um meine Identität. Ich finde das wirklich zum Davonlaufen!

Ansonsten finde ich das 'Sie' bei ihm ganz O.K., weil er der einzige Mensch ist, bei dem das Siezen in Kombination mit Zuneigung funktioniert. Ansonsten sieze ich freiwillig nur Menschen, die mir sowieso egal sind.

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Siri81
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Beitrag Di., 12.03.2013, 16:52

Komisch, das mit den Namen geht mir ähnlich. Ich glaube ich habe ihn persönlich noch nie beim Namen genannt bis jetzt
Und mir wird auch immer ganz komisch, wenn er mich beim Namen anredet, wobei er das auch selten macht. Eigentlich nur, um mich ins Zimmer zu rufen oder wenn wir uns verabschieden manchmal. Warum ist das so, dass man sich da drumherum drückt? Ich kann mir das momentan auch nicht wirklich erklären.

Mein vorheriger Therapeut hat mich in den Stunden dauernd mit "Frau ..." angeredet, das hatte schon fast so was Autoritäres, meist hat er es benutzt, um mich wieder auf den Boden zu bringen oder mich auf sich wiederholende Muster aufmerksam zu machen.. der Nachdruck war durchaus sinnvoll manchmal, aber auch unangenehm und hat mich noch kleiner werden lassen.
"Dinge sehen wir nicht so, wie sie sind,
sondern so, wie wir sind."

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Fast Forward
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Beitrag Di., 12.03.2013, 16:54

Siri81 hat geschrieben: @FastForward: Wenn dir dein Thera das "Du" doch schon mal angeboten hat, dann könntest du ihn doch nochmal darauf ansprechen? Er wird seine Meinung da bestimmt nicht geändert haben und wertet es vielleicht als positives Zeichen deines Vertrauens und eurer Beziehung, wenn du jetzt bereit dazu bist?
Da wäre ich mir bei ihm nicht so sicher. Aber ja, eigentlich würde ich das auch so deuten. Allerdings bin ich mir ja nicht sicher, ob ich dafür wirklich bereit im Sinne von "reif" bin Aber da wäre es wohl gut, darüber zu reden *seufz*

titus und kaja: nee, der Name ist mir ihm gegenüber auch noch nie über die Lippen gekommen. Ich finde es schon schlimm, wenn ich einer anderen Person gegenüber den Namen aussprechen muss. Und ich rede nur vom Nachnamen. Wie er mich anspricht ist mir aber egal. Er darf mich sogar bei meinem Spitznamen nennen, das ist mir gleich.

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graue seifenblase
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Beitrag Di., 12.03.2013, 17:07

Bei mir ist das etwas anders mit dem Duzen und Siezen. In meiner Arbeit duzen sich alle, von der Reinigungskraft, über die Betreuer und das hindurch bis zu unseren obersten Chefs. Selbst wenn ich die Person aus dem Verein nicht kenne, aber weiß, dass sie da arbeitet wird bei uns durch geduzt. Und in zwei Freizeitvereinen von mir ist das auch so, wobei ich momentan nur in einem wirklich aktiv bin. Somit kommt bei mir ein riesiger Personenkreis zu meinen Freunden, Bekannten und Verwandten hinzu.
Meinen Zahnarzt duze ich auch, da ich den ursprünglich als Kind privat kannte und irgendwann hat er eine eigene Praxis aufgemacht und seit dem ich dort hingehe duzen wir uns, genauso eine Akustikerin und ich und das ist auch eine Dienstleistung duzen uns, da wir uns schon über 10Jahre, meine Lehrer außer jene von der ersten Berufsausbildung duze ich alle, das sie mir alles das du angeboten haben.
Und ich bin auch froh darüber und ich mag das auch, weil es doch ein persönlicheres Verhältnis darstellt und eine gemeinsame Zeit oder eine Gemeinsamkeit zeigt.
Also warum auch nicht mit einem Therapeuten, wenn es von beiden Seiten passt, egal welche Form man sich ausmacht.

Lg gr sb

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Rainer-JGS
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 00:21

Das "Sie" in einer therapeutischen Beziehung ist ein Zeichen von Professionalität und auch wichtig für die klare Abgrenzung zu einer freundschaftlichen Plauderstunde!

Allerdings erlebe ich es auch immer wieder, daß Menschen, die auf dem Lande groß geworden sind, keinen lockeren Umgang mit der Sie-Form gewohnt sind und sich beim "Sie" äußerst unbehaglich und als kleines Schuldkind vor dem großen Lehrer, oder dem Herrn Pfarrer fühlen!

In selten Ausnahmefälle lasse ich deshalb auch manchmal die Du-Form zu, wenn ich merke, daß sonst auf Dauer keine seelische Öffnung und menschliche Nähe möglich ist.

Der bessere Weg aber ist sicherlich, die Menschen an das lockere, offene und freundschaftliche Sie zu gewöhnen, welches ja in der "Hamburger-Sie-Form" auch mit dem Vornahmen verwunden werden kann!
Liebe Grüße vom Rainer-JGS,
der immer gerne das aufhebt, was ihm der liebe Gott vor die Haustüre legt.

Wegen der besseren Lesbarkeit und aus Liebe zur deutschen Sprache benütze ich gerne die traditionelle Rechtschreibung und das generische Maskulinum.

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Tyrion
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 09:30

Rainer-JGS hat geschrieben:Das "Sie" in einer therapeutischen Beziehung ist ein Zeichen von Professionalität und auch wichtig für die klare Abgrenzung zu einer freundschaftlichen Plauderstunde!
Das sehe ich auch so. Ich mag meine Therapeutin sehr, wir sind auch ca. im selben Alter, aber ich käme nie auf die Idee, sie duzen zu wollen - ich finde, grad bei einer Therapie braucht's auch eine gewisse Distanz, ähnlich wie im Beruf. Mit meinem Chef bin ich nach knapp drei Jahren noch immer per Sie, obwohl er sonst fast alle duzt. Manchmal nervt das ein wenig, aber gleichzeitig macht es halt schon einen Unterschied, ob man mit jemandem per Du oder per Sie ist. Das Du ist einfach vertraulicher; man traut sich dann auch mehr bzw. nimmt Kritik viel persönlicher, weil: Wir sind doch jetzt so gut wie befreundet, was soll das? Das würde ich in der Therapie nicht wollen.

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Thalia
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 09:40

also mein Thera meint mit Jugendlichen und Kindern nutzt er immer das "Du" und die dürfen ihn halt auch alle duzen und bei Erwachsenen meint er dass das Typsache ist. Er meint sowas darf nicht aufgezwungen sein , sondern muss passen. Professionalität ist ja nicht bloß "sie" sondern das der Therapeut es schafft das man sich ihm gegenüber öffnen kann und auch an seinen Problemen arbeiten kann.

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graue seifenblase
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 10:22

@Thalia
Hast du deinen Thera darauf angesprochen oder warum weißt du das so genau?


Aber ich finde diese andere Perspektive auch sehr interessant, wie ein bzw der eigene Thera das sieht und handhabt.
Da überleg ich mir ja fast ob ich meine Thera frage. Das finde ich einfach total spannend, ich finde es sowieso schon total spannend was andere denken, aber noch spannender finde ich es bei Personen mit denen ich persönlich viel zu tun habe. Ich bin einfach ein unheimlich neugieriger Mensch.

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Thalia
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 11:26

ja wir haben am anfang mal darüber gesprochen

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Fast Forward
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 16:48

Thalia, ist bei meinem Thera auch so, er arbeitet hauptsächlich mit Jugendlichen, und da ich ja noch in den frühen 20ern bin und als ich anfing, hinzugehen, noch studiert habe, lag das "Du" von seiner Seite aus näher.

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graue seifenblase
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Beitrag Mi., 13.03.2013, 17:05

Ja mit dem älter werden wird auch dieses doofe DU und SIE mehr. Leider!!!

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Marzipanschnute
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Beiträge: 729

Beitrag Do., 14.03.2013, 19:43

Wir siezen uns auch, was mir ganz recht ist. Mir würde es komisch vorkommen, wenn ich meinen Thera duzen würde, dass würde auch eine Nähe entstehen lassen, von der ich nicht ganz sicher bin ob ich sie will.
Am Anfang war es etwas ungewohnt, dass er mich mit Frau Marzipanschnute ansprach, als Schülerin werde ich zwar auch gesiezt, aber dann halt mit dem Vornamen angesprochen, aber da hab ich mich inzwischen auch dran gewöhnt. Und er ist für mich halt der Herr Therapeut.
“Das Schöne an der Zeit ist, das sie ohne Hilfestellung vergeht und sich nicht an dem stört, was in ihr geschieht.” Juli Zeh

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Schutzengelchen
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Beiträge: 174

Beitrag Do., 14.03.2013, 20:05

Am Anfang waren wir per SIE. Als das Therapiende langsam nahte, sind wir auf das DU umgestiegen. Hat sich ergeben,
wir haben uns da schon beide aus Versehen gedutzt.
Ich bin auch so ein Mensch der lieber per DU ist, viel wichtiger wie ein SIE ist mir gegenseitiger Respekt und Wertschätzung.
Wer im Gedächtnis seiner
Lieben lebt,
der ist nicht tot, der ist nur fern;
tot ist nur, wer vergessen wird.

Immanuel Kant

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